Gentoo

Das vielleicht wichtigste Kriterium für die Wahl einer Linux-Distribution ist neben grundsätzlichen Hardware-Anforderungen und verfügbarer Support-Infrastruktur das verwendete Paketmanagement-System; auf diesem Gebiet haben sich auf Server und Desktop die beiden großen Rivalen APT (Debian, Ubuntu) und RPM (RedHat, SuSE, CentOS, Fedora) etabliert. Diese ermöglichen die schnelle und effiziente Installation neuer und aktualisierter Software mit minimalem Aufwand an manueller Nachbesserung, Rechenzeit und Festplattenspeicherplatz.

In Gentoo Linux hingegen werden sämtliche verfügbaren Softwarepakete grundsätzlich nicht in fertigen Binärarchiven vertrieben, sondern auf der jeweiligen Zielmaschine aus den Quelltexten neu kompiliert. Dies verspricht zumindest in der Theorie bessere Leistung durch prozessorspezifische Optimierungen, etwa für die auf modernen Intel- und AMD-CPUs verfügbaren Befehlserweiterungssätze MMX und SSE sowie für 64-Bit und Dual-Core. In der Praxis ist der durch diese Anpassungen erreichte Leistungszuwachs leider oftmals kaum zu bemerken.

Das Gentoo-Projekt wurde von dem Linux-Entwicker Daniel Robbins zunächst unter dem Namen „Enoch Linux“ entwickelt; eine erste öffentliche Version 0.75 wurde im Dezember 1999 bekannt. Kurze Zeit später entschied man sich aufgrund der obengenannten Geschwindigkeitsvorteile für den Namen „Gentoo“, in Anlehnung an den am schnellsten schwimmenden Pinguin (vergl. Tux, das offizielle Pinguinmaskottchen aller Linux-Systeme). Im April 2002 wurde die offizielle Version 1.0 herausgebracht, bevor in den folgenden Jahren Versionsbezeichnungen wie 2006-02, 2007-01 in Anlehnung an den
regelmäßigen halbjährlichen Release-Zyklus eingeführt wurden.

Die „Portage“ genannte Paketverwaltungsinfrastruktur ist historisch stark an den sog. „Ports Tree“ des FreeBSD-Betriebssystems angelehnt, eines weiteren kostenfreien UNIX-ähnlichen Betriebssystems in Konkurrenz zu Linux. Die Ähnlichkeiten zwischen Gentoo Linux und FreeBSD erklären sich auch aus einer Überschneidung der Benutzergruppen: Robbins selbst entwickelte eine Zeit lang unter beiden Systemen und adaptierte „Portage“ für beide Kernel-Familien. Mittlerweile existiert sogar ein experimenteller Gentoo-Portage-Tree für Apple Mac OSX.

In „Portage“ wird jedes potentiell zu installierende Softwarepaket durch ein Verzeichnis in einem hierarchisch organisierten Verzeichnisbaum repräsentiert. Zur Installation werden die standardmäßigen
Quelltextarchive sowie alle Gentoo-spezifischen Patches in dieses Verzeichnis heruntergeladen, dort entpackt, kompiliert und bei Erfolg in die aktiven Systemverzeichnisse kopiert.

Ebenso ist deshalb zu beachten, dass das Gentoo-System mit seinen umfangreichen Quelltextverzeichnissen (Portage Tree) ungleich mehr Speicherplatz auf den häufig eher knapp bemessenen Server-Festplatten in Anspruch nimmt als reine Binärdistributionen wie Debian, Ubuntu Server oder SuSE. Auf gängigen Virtual Root Servern von Anbietern wie 1 & 1, Schlund, HostEurope oder Server4U stehen oftmals nur 8-15 GB Massenspeicher zur Verfügung; ein umfangreiches Kompilierungsprojekt mit vielen Paketabhängigkeiten (Dependencies) kann sehr schnell mehrere Gigabytes verbrauchen, die im Produktivbetrieb für Applikationsdaten im laufenden Betrieb sinnvoller investiert wären. Die erforderliche Rechenzeit für das ständige Übersetzen neuer Programmversionen verlangsamt parallel mitlaufende andere Server-Dienste und sorgt für massive Sicherheitsrisiken – schließlich ist brandneue oder noch in der Betatestphase befindliche Software selten so sorgfältig auf Bugs und Exploits geprüft wie ältere, robustere Versionen für den
Produktionsbetrieb (Stable Branch). In Problemfällen ist für den Server mit längeren Wartungs- und Ausfallzeiten (Downtime) zu rechnen als mit Binärdistributionen.

Gentoo eignet sich daher deutlich mehr für Entwickler und erfahrene Desktop-User, die stets die neuesten Versionen aller Ihrer Softwarepakete installieren und testen möchten. Im Serverbetrieb findet es vornehmlich dann Verwendung, wenn der oder die jeweiligen Administratoren nicht nur eine einzige Servermaschine, sondern gleich ein ganzes Rack bzw. einen Cluster mit weitgehend identischem Hardwareprofil betreiben. Dort können dann einmal auf speziell designierten Compiler-Servern übersetzte Pakete nach sorgfältigem Funktions- und Performanz-Test effizient an alle anderen Maschinen verteilt werden. Für Root Server-Einsteiger und Einzelkämpfer mit nur einer verfügbaren Maschine im Produktionseinsatz ist Gentoo nur bedingt und bei sehr speziellen Anforderungsprofilen zu empfehlen.

Einem persönlichen Test auf Ersatz-Hardware oder in virtuellen Maschinen wie VMware soll dies indes keinen Abbruch tun. So kann man zumindest die obigen Erfahrungswerte und Urteile über Gentoo selbst
prüfen, und ist für den Ernstfall Produktiveinsatz gerüstet.